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Heft 13

Der Museumskurier Heft 13/Februar 2007


Zum Gedenken an Werner Ansorg


Er hat das Gemeinwesen in Zella-Mehlis mit geprägt

Ein abwechslungsreiches, unkonventionelles und erfülltes Leben ist zu Ende gegangen. Unser Freund Werner Ansorg, der „Neubäck“, Ehrenmitglied des Geschichts- und Museumsvereins Zella-Mehlis e.V. ist am Montag, dem 22.05.2006, verstorben.
Seine Heimatliebe, diese tiefe Verwurzlung mit den Menschen und Traditionen unserer Heimat waren sein Antrieb, sich seit der Heimkehr aus Krieg und Kriegsgefangenschaft auf vielen Gebieten unermüdlich für unsere Stadt einzusetzen.
Sei es beim Schwimmbadbau, beim Bau der Ruppberghütte, bei der Gestaltung der Mehl'ser Kärmes oder als eines der ersten CDU-Mitglieder, als deren Stadtverordneter und als einer der Mitbegründer des Verschönerungs- und Fremdenverkehrsvereins.
Die humorvolle und witzige Persönlichkeit sowie seine freudige Lebenslust wurde am stärksten erlebbar, wenn er als Mitglied der Zella-Mehliser Hirtenbläser auftrat.
Sein intensivstes ehrenamtliches Engagement galt aber bis zu seinem Tode dem Aufbau und der Gestaltung des Museums.
Als andere sich nur um die Zukunft sorgten, sorgte er sich auch um die Vergangenheit. In dem Wissen, das nur Zukunft hat, wer sich seiner Vergangenheit bewusst ist, wurde er zum Initiator des musealen Wiederaufbaus in Zella-Mehlis.
Seine ganze außergewöhnliche Persönlichkeit stellte er hinter die Sache. Mit persönlichem Einsatz, körperlich wie finanziell und unkonventionellen Methoden gelang es ihm, viel Unwiederbringliches zu bewahren und andere für die Sache zu begeistern. Dabei war er immer pragmatisch, den Blick auf das Ganze gerichtet. Kleinlichkeit und Paragraphenreiter waren ihm ein Gräuel, welche er mit dem ihm eigenen, tiefsinnigen, oft hintergründigen Witz immer wieder bloßstellte. Die Heiterkeit der Form überdeckte dabei aber nie den thematischen Tiefgang des Inhaltes. Wir haben mit ihm einen außergewöhnlichen Menschen verloren, der mit seinem vielseitigen Wirken die Stadt Zella-Mehlis und ihr Museum weithin bekannt und unser Leben reicher gemacht hat. Die Lücke, die er hinterlässt, können wir nicht schließen, aber die Spuren seines Lebens werden in uns und in seinen Werken bleiben.

Der Vorstand

Buch-Neuerscheinung:

Dieter Jacobs / Manfred Tumma
Von Mercedes zu Robotron – Eine Weltfirma im Wandel der Geschichte

Die Autoren stellen die bewegte Firmengeschichte der 1906 gegründeten „Mercedes Bureau-Maschinen-Gesellschaft m.b.H.“ bis zur Liquidation unter dem Firmennamen „robotron Elektronik GmbH i.L.“ dar.
Die rasante technische Entwicklung im 20. Jahrhundert wird am Beispiel der Büro- und Rechentechnik verdeutlicht. Es werden die Quantensprünge von der Mechanik über die Elektronik zur Mikroelektronik sichtbar dargestellt.
Der Leser erfährt, welchen Einfluss die Ansiedelung der Firma „Mercedes“ auf die Menschen in der Region ausübte. Viele Städte und Dörfer wurden in ihrer Infrastruktur geformt. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Menschen über Generationen hinweg war unmittelbar dem Wohl und Weh der Firma verbunden. Das Buch kam noch kurz vor Weihnachten zur Auslieferung und ist im Museum in der Beschußanstalt, beim Geschichts- und Museumsverein, beim Heinrich-Jung-Verlag und im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Zur Geschichte der Korkenzieherfertigung in Zella St. Blasii und Mehlis

Noch bis zum 4. März läuft in unserem Museum die Sonderausstellung „Der Korkenzieher – ein gewundenes Kapitel Zella-Mehliser Handwerks- und Industriegeschichte“. Aus Anlass des 10. Jubiläums der Gründung des Vereines „Korkenzieherfreunde“ erarbeitet, wurde diese Ausstellung am
28. Oktober vom Bürgermeister unserer Stadt, Herrn Panse eröffnet. Gäste der Eröffnung waren u.a. auch ca. 80 Korkenziehersammler aus Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und natürlich auch aus Deutschland.
In der Ausstellung werden Korkenzieher gezeigt, die einst in unserer Stadt her-gestellt, entwickelt und gehandelt wurden. Die Stücke selbst wurden von Herrn Reinhard Berndt aus Egelsbach/Hessen, Herrn Stephan Trunetz aus Baden/Ös-terreich zur Verfügung gestellt, stammen von Leihgebern aus der Region sowie aus dem Fundus unseres Hauses.
Bei Öffnen einer guten Flasche verkorkten Weines machen sich wohl die wenigsten Zeitgenossen Gedanken über Geschichte und Herstellung des dazu Verwendung findenden Werkzeuges. Doch Korkenzieher dienen schon mehrere Jahrhunderte zum Entfernen der Verschlüsse aus den Hälsen verschiedenartigster Flaschen. Die Herstellung dieses Gerätes besaß bereits um die Mitte des 19. Jh. eine große Bedeutung auch im Rahmen der Zellaer und Mehliser Eisen- und Stahlkurzwarenfertigung. So wurden allein von 1856 bis 1866 neben den zahlreichen anderen Kleineisenprodukten auch 480.000 Korkenzieher, damals noch als Korkheber oder Pfropfenzieher bezeichnet, in 250 Ausführungen hergestellt und gehandelt. Die mit Krätzer bezeichnete Korkenzieherspirale dürfte wohl aus dem im 18. Jh. auch in unseren beiden Waffenorten gefertigten Gewehrkrätzer entstanden sein, welcher zum Entfernen von nicht aktivierten Geschossen aus dem Lauf von Vorderladerwaffen vorgesehen war. Seine unterschiedlichen Profile wurden in unserer Region in speziellen Gesenken, den so genannten „Zellern“ geschmiedet. Schon im Musterbuch der Firma Reißmann von 1857 sind zahlreiche Korkenzieher abgebildet, so dass davon auszugehen ist, dass diese schon viel früher hier gefertigt wurden. Die nachweisbar älteste hiesige Erfindung, ein sogenannter Damenkorkenzieher, ist dem seiner Zeit noch recht unbedeutenden Industriellen Heinrich Ehrhardt zu verdanken. Er verkaufte diese im Jahre 1867 für einen recht geringen Obulus an den Grossisten Johann Georg Reißmann. Durch diesen Umstand zu seinem Namen „Reißmann-Korkenzieher“ gekommen, wird jener auch heute noch, nach fast 140 Jahren, mit gleichem Wirkprinzip hergestellt. Zahlreiche örtliche Handwerker befassten sich ebenfalls mit der Weiterentwicklung dieses Werkzeuges. Es wurde nach seinen verschiedenen Wirkprinzipien als Glocken-, Hebel-, Löffel-, Stangen- oder Zungenkorkenzieher, in mannigfaltigen Größen und Formen als Fass-, Flakon- und Taschenkorkenzieher sowie in Kombination z.B. mit Bürsten, Champagnerhaken, Eisbrechern und Lackreißern gefertigt. Vor allem nach Gründung des Deutschen Patentamtes im Jahre 1877 ließen sich viele Erfinder ihre Entwicklungen als Patent und Gebrauchsmuster schützen. Bis in die 1930er Jahre hinein sind allein in Zella-Mehlis 45 mit der Entwicklung, der Herstellung und dem Handel beschäftigte Firmen nachweisbar geworden.
Die nächste Sonderausstellung, die in unserem Museum zu sein wird, beschäftigt sich unter dem Titel „Zella-Mehlis im Spiegel der Philatelie“ mit der Postgeschichte unserer Stadt. Mit dieser stellt sich der „Briefmarkensammlerverein Zella-Mehlis e.V.“ den Gästen des Museums vor.

Lutz von Nordheim (Leiter des Museums in der Beschußanstalt)

Bilder aus dem Thüringer Wald

1. Der Kuhhirt

Der Frühling ist ins Land gezogen. Quellen und Bäche rauschen zu Tal. Die Erde überzieht sich mit Grün. Wald und Wiese legen Festschmuck an. Kräuter und Blumen sprießen. Linde Lüfte wehen. Aus dem Schwarzwald tönt der Drossel Schlag und vom nahen Bergkopfe der lullende Lockruf der Heidelerche. Da faßt's den Wäldler mit Macht: Hinaus, hinaus in die Wälder, auf Wiesen und Felder! Einer der Ersten, der das Sommerleben beginnt, ist der Hirt, der Hutmann des Walddorfes. Schon vor etlichen Tagen ist er fast Haus für Haus gegangen, hinterdrein sein Bube mit Kuhglocken oder Schellen, das Weidevieh damit zu schmücken. Heute, an einem sonnigen Maitage, ertönt zum erstenmal in diesem Frühjahre das Hirtenhorn und knallt die Peitsche. „Der Hirt treibt aus!“ ruft sich jung und alt zu. Die Stalltüren öffnen sich, und heraus auf die Dorfstraße tritt das Weidevieh, mit kräftiger Stimme die Freiheit begrüßend. Die Kälbchen und die jungen Rinder hüpfen und laufen durcheinander, und Hirt, Hütejunge und Karo, der langhaarige Hirtenhund, haben genug zu tun, das Vieh im Zaum zu halten. Auch etliche Dörfler, darunter Schuljungen, begleiten heute und die paar nächsten Tage die Herde, bis das Vieh, namentlich das die Weide ungewohnte, sich eingewöhnt hat. Der Hirt ist von kräftiger Gestalt, ein alter Filz sitzt ihm auf dem Kopfe; die verschossene, geflickte Kleidung bedeckt ein abgelegter Soldatenmantel, den er aus der meilenweit entfernten Garnisonstadt erhalten hat. An den Füßen trägt er eisenbeschlagene Schaftstiefel. Die Hand schwingt den verhältnismäßig kurzstieligen Peitschenstock mit langem Schlag, dessen Ende eine Hanfschmitze bildet; einen Ranzen und ein Hirtenhorn hat er zur Seite. Früher trug der Hirt wohl lederne Kniehosen mit Leibgurt; Gamaschen bedeckten die starken, schweren Schuhe, und unter dem langen Tuchrock saß die lederne Weste mit Metallknöpfen. – Unter Peitschenknall, Hörnerschall und Glocken-ton zieht in langer Reihe das Vieh dem grasspendenden Walde zu. Die Tiere, ein kleiner Gebirgsschlag, sind schlank, zartknochig, etwas hager und meist braun oder fuchsig von Farbe. Den ganzen Tag grast das Vieh, von Waldbezirk zu Waldbezirk wandernd; nur mittags tritt eine mehrstündige Pause ein. In dem hohen Fichtenbestande, wohl aus 100 jährigen Bäumen bestehend, läßt sich die Herde nieder, ausruhend, wiederkäuend. Auch der Hirt wird jetzt mit Speise bedacht; eine Frau aus dem Walddorfe bringt ihm etliche Kartoffelklöße mit etwas Fleisch in Stockschwammbrühe oder statt deren Mohnreibe oder Milchtunke. Auch Karo wird nicht vergessen, hat er sich doch heute recht abhetzen und die Herde unzähligemal umkreisen müssen.


Der Ruhlaer Hirte


Wer das Essen an den Hirten liefert, darf den Mist am Ruhe-platze mit der auf dem Boden liegenden Nadelstreu zusammenscharren. Der Dünger wird auf einen Haufen gebaut, mit etlichen Reisern und Steinen belegt und im Herbst als wertvolles Düngemittel auf die Bergwiesen gefahren. Mit Nachtwerden zieht der Hirt heim; mit Gebrüll begrüßen die Rinder die bekannten Ställe. So treibt der Hirt bei günstiger Witterung Tag für Tag die Herde auf die Weide. Der Wald wird ihm zur Heimat, er versteht sein Flüstern, seine Sprache. Die Erhabenheit des Waldes zieht diesen Waldmenschen, dem eine gewisse Derbheit und Offenheit eigen ist, zu Höherem Empor. Die Stämme der hundertjährigen Riesen werden ihm zu Kirchensäulen, die sich kreuzenden und wölbenden Äste zu Spitzbogen, die Kronen zum Dache des Naturdomes, und das Geläut der Herde klingt bald brausend mächtig, bald lieblich zart wie Orgelton. Die Waldsänger: Meise, Fink, Rotkehlchen und Drossel sind die Musiker, deren Vielstimmiger Gesang ihn andächtig stimmt. Ihm ist so wohl, so feierlich; der liebe Gott geht durch den Wald. Seinen Gottesdienst feiert so der Hirt im Walde. Aber nicht immer geht sein Tagwerk friedvoll und glatt zu Ende; er hat gegen manche Übel und Anfechtungen zu kämpfen. In heißen Sommertagen peinigen die bösen Stechfliegen und die blutgierigen Bremsen die Herde, so daß das Vieh schnellfüßig das dichteste Buschwerk aufsucht, um die lästigen Feinde abzustreifen. Gewitter, die Hirt und Herde überraschen, schrecken das Vieh. Der Donner grollt, der Sturm schlägt die Wipfel der Bäume aneinander, daß Zweige und Äste fallen, und der grelle Blitz zerspaltet wohl einen Stamm, Rinden- und Holzstücke umherstreuend. Das Vieh nimmt mit ängstlichem Gebrüll Reißaus, so daß Hirt und Hund ihre Not haben, um die Flüchtigen einzuholen und zu stellen. Auch aus der Herde tritt dem Hirten manchmal ein Feind entgegen; es ist der Herdenstier, der oft voll Tücke ist. Wild rollt das Auge des aufgeregten Tieres, mit gesenktem Kopfe, furchterregendem Gebrüll, die drohenden Hörner zum tödlichen Stoße bereit, greift er seinen Pfleger an, und nur Karo, der flinke, kräftige, weiß mit scharfem Zahn den Brummer zu zähmen. Ist doch vor etlichen Jahren vorgekommen, daß ein Hirt des Walddorfes Lichtenhain vom Zuchtstier getötet worden ist. Als im Jahre 1873 der Waldort Cursdorf fast ganz abgebrannt war, mußte der Hirt das über zwei Schock zählende Weidevieh etliche Nächte und Tage im Walde zurückhalten. Nur mit Hilfe benachbarter Hirten und mehrerer Hunde wurde das Vieh von zerstörten Dorfe abgewehrt. Auch begegnet unserem Hutmann sonst manch Abenteuer im Walde. Nur eins davon! Die Jäger haben ein Treiben auf Rehe veranstaltet, und ein Rehbock ist vom todbringenden Schrotschuß getroffen worden. Das arme Tier springt in seiner Not in die Viehherde, um hier Schutz zu finden. Ha! denkt der Hirt, ein solcher Bissen ist nicht zu verachten, und gibt dem sterbenden Wild den Genickfang. Aber sofort ereilte ihn die Strafe. Waldmann, des Jägers polnischer Dachshund, hat eiligst die Fährte des todwunden Tieres verfolgt und findet die erhoffte Beute in unrechten Händen. Ein Biß, ein Schrei – und Märten hat kein verlangen mehr nach Wildbraten. – Ein Festtag für unsern biedern Hirten ist die Kirmse. In besserer Kleidung, wohl mit einem Strauß am Hute, zieht er heute die Dorfstraße hinab, schmetternd ertönt das Horn, hell klatscht die Peitsche. Heute wird er besonders geehrt: Jede der Wäldlerinnen, deren Rinder dem Hirten anvertraut sind, überreicht ihm beim Auslassen des Viehes eine oder mehrere Ecken Kirmeskuchen. Er nimmt die Gabe auf den linken Arm,nach und nach türmen sich die Kuchenstücke auf und müssen in einem Korbe, den der Hirtenbube trägt, untergebracht werden. - Für den Waldbewohner ist ein tüchtiger Hutmann überhaupt eine wichtige Person. Regelt er doch den An- und Verkauf von Nutz- und Zugvieh, und bei Viehkrankheiten ist er der, bei dem man Hilfe sucht. Ja, unser Hirt, sagt der Waldbauer, ist gescheiter als der studierte Viehdoktor in der Stadt. Und manchen Käse und manchen Biergroschen trägt er als Lohn für seine Mühewaltung heim. - Gegen den Spätherbst hin werden die Tage unfreundlicher, das Grummet ist von den Wiesen heimgebracht, der Hirt hütet um die Dörfer herum die Geräumde, die Talwiesen und Grasgärten ab – doch nicht lange mehr; der eisige Nord überzieht das Gras mit Reif, und da solches Futter dem Vieh schädlich ist, muß die Herde im Stall bleiben. Das Sommerleben des Hirten hat sein Ende erreicht. Er macht seinen Rundgang durchs Dorf, nimmt dem Vieh die Schellen ab, putzt sie und sieht nach, wo etwas auszubessern ist. Die Lederriemen der Glocken werden eingefettet, und die hölzernen Bügel an sicherem Orte verwahrt. Die Schellen sind des Hirten Eigentum, er hat sie von seinem Vater, der sein Vorgänger war, ererbt, der sie, zwei Schock zwei Mandel, seiner Zeit für 60 Taler aus Kleinschmalkalden bezogen hat. Hinsichtlich der Größe und des Tones sind die Herdenglocken verschieden. Die größten, so groß wie ein Litertopf, die Bässe und Ganzstumpfe, lassen beim Anschlagen die Grundtöne hören, die Mittel- und Halbstumpfe, die Mengel und Beischläge geben die Mitteltöne an, und die hohen und höchsten Töne werden von den Lamm-schellen, den Bellern und Gitzern erzeugt.


Fränkische Schellen und -bögen
wie sie in ähnlicher Bauweise
auch aus dem Thüringer Wald
überliefert sind

Das ganze Geläut gibt einen Akkord, einen Dreiklang an, dessen Töne sich durch mehrere Oktaven wiederholen. Je größer die schellentragende Herde ist und je reiner die Glocken gestimmt sind, desto prächtiger klingt das Geläut, und der Hirt ist nicht wenig stolz darauf. mancher Fremde, der den Thüringer Wald bereist, hat sich als Erinnerung an den Wald ein Glöcklein erstanden, das er bei sich trägt und daheim seinen auf den Reisebericht lauschenden Freunden zeigt. Ohne Geläut treibt der Hirte nie die Herde aus, der Glocken Klang hält das Vieh zusammen; er sagt ihm, wo die Herde weidet, nach welcher Richtung sie zieht, oder ob sich ein Stück verlaufen hat. Doch nicht alles Vieh eines Walddorfes weidet unter Aufsicht des Hirten. Manche der Waldbauern treiben Lohnfuhrwerk, und tagtäglich vom Frühjahr bis Herbst werden Ochsen und Kühe vor den Wagen oder vor das Ackergerät gespannt. Diese Zugtiere wurden früher, vor etwa dreißig Jahren noch, vom Sonnabend bis Montag früh gehütet und zwar in manchen Gemeinden in gewissen Herrschaftswäldern. So hatte Cursdorf das Recht, Zugtiere auf dem Lindigshorste, zwischen Hölle und Frauenbach gelegen, hüten zu dürfen. Mit Lebensmitteln auf ein paar Tage versehen, unter Jodeln und Singen zogen die Hütebuben, jeder zwei bis vier Zugtiere treibend, nach dem Wulst, dem Lindig zu. Wo der Graswuchs am üppigsten stand, trieb man sie hin. Während das Vieh weidete, schürten die Jungen Hirten ein Feuer auf sicherem Platze an und kochten das Mittagsbrot. Dann und wann jedoch mußte einer nach dem Vieh sehen, ob noch alle Tiere da seien. Da kam es vor, daß in den Kochtopf des Abwesenden ein Kuhpilz oder ein Stück Harz praktiziert wurde, und dem armen Jungen wurde der Genuß seiner Milchzempe verleidet. Und der Geschädigte? Er sah zu, daß er dem vermeintlichen Feinde einen anderen Schabernack zufügen konnte. Unter allerlei Allotria verging der Tag, und gegen Abend kam Mutter, Schwester oder Magd zur Wulstschneidemühle oder zum Lindigshause und melkte die Kühe und trug die Milch in Flaschen heim. Des Nachts blieben die Hütejungen in einer Forst- oder Köhlerhütte oder in einer Schneidemühle, und das Vieh wurde in der Nähe an Bäume gebunden. Ließen die jungen Hirten das Vieh außer acht, so wurden sie oder das Vieh häufig geschädigt. Es kam öfter vor, daß Tiere junge Anpflanzungen, die zu behüten verboten war, aufsuchten, und die Folge war Zahlung von Strafe. Bisweilen gerieten die Weidetiere auch auf sogenannte Holzrutschen, das sind Rinnen an Berghängen, mit glatten Stangen ausgelegt, in denen Scheithölzer, Walzen und Stämmen zu Tal gefördert werden. Das auf eine Rutsche tretende Tier gleitet aus und stürzt den Berg hinunter, wo es mit zerschmetterten Gliedern liegen bleibt. Im Jahre 1848 wurde sogar ein junges, feistes Rind angeblich von einem Wilddieb erschossen.
Nach und nach werden die Rinder- und Ziegenherden auf dem Thüringer Walde verschwinden; denn die Landwirtschaft verliert hier von Jahr zu Jahr an Bedeutung, und die verbesserte Forstkultur sowie der von Jahr zu Jahr steigende Holzpreis gebieten die sorgsamste Pflege und größte Schonung der Wälder. Viele Bergwiesen, sogenannte Geräumde, früher im Besitz von Privaten, sind von der Herrschaft angekauft und bepflanzt worden. Auf diese Weise wird der Weidebezirk fürs Vieh immer kleiner, und es lohnt sich nicht mehr, Rinder und Ziegen auf die Weide zu treiben.

R. Franke, Rudolstadt

Text aus:
Thüringen in Wort und Bild, Band 2, Verlag von Julius Klinckhardt in Leipzig, 1910

Bilder aus:
Stahl, Ernst: Folklore in Thüringen; 1, Bezirkskabinet für Kulturarbeit Erfurt Thüringer Folklorezentrum, 1979
Bund Naturschutz in Bayern OG Herbruck (Hrsg.), Hirten, Herden und Hutanger in der Hersbrucker Alb, Hersbruck 1989

Terminvorschau 2007

bis 04.03.
Museum in der Beschußanstalt – Sonderausstellung: „Der Korkenzieher – ein gewundenes Kapitel Zella-Mehliser Handwerks- und Industriegeschichte“

10. März
Jahreshauptversammlung des Geschichts- und Museumsvereins Zella-Mehlis e.V.

31. März
Museum in der Beschußanstalt – Sonderausstellung: „Zella-Mehlis im Spiegel der Philatelie“ des Briefmarkensammlervereines Zella-Mehlis e.V.

30. April – 18:00 Uhr
Walpurgisnacht – Die Nacht der Hexen und Geister mit viel Musik und Überraschungen rund ums Bürgerhaus.

20. Mai
Museum in der Beschußanstalt und Gesenkschmiede Lubenbach
Internationaler Museumstag unter dem Motto:
„Museen und universelles Erbe“

7.–9.September
17. Stadtfest „Ruppertusmarkt“ in Zella-Mehlis
Pilzausstellung am Museum in der Beschußanstalt

9. September
Museum in der Beschußanstalt und Gesenkschmiede Lubenbach
Tag des offenen Denkmals

15. September
Busfahrt des Geschichts- und Museumsvereins Zella-Mehlis e.V.



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